02. Nov 2020  |  Bekanntmachung

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#ARPAMSONNTAG | BURGERT IM DETAIL

26 Jul 2020

Ralph Dutli, aus HEILIGE MÜLLHALDEN / Text für Katalog »Sinn Frisst«

» ...hier ist eine SEUCHE ausgebrochen
die FARBE heißt
sie kennt keinen Ausweg mehr wohin
alles in Walbäuchen gefangen


jedes Blut ist blind! es gibt nur
DENKENDE PIGMENTE! ...«

#ARPAMSONNTAG

JONAS BUREGRT IM DETAIL

 

Heute tauchen wir ein in Burgerts Welttheater aus »denkenden Pigmenten«. Die großformatigen Bilder lassen sich nicht auf einen Blick erfassen. Man muss an ihnen entlanggehen, Abstand nehmen und wieder näher kommen, um Motive und Details zu entdecken. Vor den riesigen bühnenartigen, teilweise ruinösen Hintergründen mit Gegenständen aus aller Welt tummeln sich Menschen, Tiere und eigenartige Kreaturen.

 

Ergänzt wird die Reise in Burgerts Farbwelten durch Auszüge der Texte der Kuratorin Jutta Mattern, der Dichterin Monika Rinck und des Schriftstellers Ralph Dutli, die dem aktuellen Ausstellungskatalog SINN FRISST entnommen sind.

Kuratorin Jutta Mattern // Gratwanderungen

»...Wie aus der Vogelperspektive heraus – quasi schwebend – nähern wir uns seinen großformatigen Werken...«

»...Unsere Augen suchen Halt, tasten die Oberflächen nach Erkennbarem, Vertrautem ab und
versuchen, das Gesehene als ein Ganzes zu erfassen. Unsere Bemühungen laufen ins Leere, unser Scheitern ist vorhersehbar und wir erkennen rasch, dass sich diese groß angelegten Szenerien, gleich aufwendigen Bühnenstücken, logischen Sinnzusammenhängen entziehen und uns eine andere Annäherung abverlangen.

 

Also was tun bei der Betrachtung solch opulenter »abwegiger« und komplexer Malereien? Vielleicht steht erst einmal das Erfühlen der Atmosphäre, der Stimmung, des »Klimas«, wie Jonas Burgert es bezeichnet, als eine Art Vehikel der Bilderkundungen im Vordergrund. Etwas, was die Schauplätze seiner auratischen Bildfindungen spürbar werden lässt, uns überwältigt, gefangen nimmt und uns wie ein Fluidum umgibt, das uns berührt. Eines, das tendenziell diffus und verwirrend ist, aber uns antreibt, die Malereien wie verschlüsselte Texte über die Bildsujets und Kompositionen zu entziffern.

 

Die Gratwanderungen, die wir hier beginnen, spiegeln sich auch vielfach als künstlerische Setzungen in Jonas Burgerts Malereien wider. Solche, die durch das Nebeneinander gleich einem Kontrapunkt – als Gegenstimme – Spannungen, Dissonanzen und Irritationen erzeugen. Sie sind der Motor des Anschauungsprozesses und kulminieren zugleich in einem dramatisch belebten, überbordenden und überwältigenden harmonischen Bildgefüge. Dieses charakterisiert die Ölgemälde, die altmeisterlich anmuten und gleichzeitig auch durch ihre zeitgenössischen malerischen Gesten ein Spannungsfeld aufbauen...«

Dichterin Monika Rinck // Montagmorgens nach der Apokalypse

»Alle Wecker klingeln, die Morschen erheben sich, schauen sich um, zögern...«

»...So viel Herbeigesehntes ist durchkreuzt und markiert. Etliches fehlt, wobei sich die Summe der Gebrauchtwaren immens vermehrt zu haben scheint. Unscharfe Gestalten pulsieren, lassen nach, sinken ab, um kurz darauf urplötzlich auszuholen, doch gegen wen? Gibt es sie noch, die Gegner?
Tentakeln versanden. Das Auge sperrt sich, das Drehkreuz blockiert. Sturm auf das Drehkreuz! Ab hier gelten die Regeln der Antimaterie, bei gleichzeitigem Überdauern der Reste. Unmöglich. Welchen Dingen ähnelt das? Falsche Frage, ganz falsche Frage, seufzen die in bunten Bandagen schaukelnden Morschen. »Worin, warum und wie ähnelt dies nicht?«1, würde die Frage lauten, stellte man sie auf die richtige Weise. Ein Glöckchen tönt hell und verstummt. Das Hörnchen schaut auf. Es weiß eine einzige Sache jetzt sehr genau: Erst der Blick macht die Ware zur Halde...«

Schriftsteller Ralph Dutli // HEILIGE MÜLLHALDEN (O WAHN DER TURBANE!)

»Schöpfkellen voller magischer Jenseitscocktails
für Kobolde einer irren Theologie!...«

»...prallbunte Anderthalblebewesen
in den GARAGENKIRCHEN des Unbewussten
enge Unterweltzoos durchlässig für
halluzinatorische Aberwelten


ein grausames Buch träumte von mir
und wütend träumte ich zurück


die WORTLOSEN sind mit TRÜMMERN geschmückt
Perücken voller Wahnsinn
wo jedes Haar sich krümmt und betet
es ist eine deutliche Unruhe im Gehege
hier sind WARTESÄLE letzter Bahnhöfe
niefahrender Züge

die ABRAUMHALDE DER URSACHEN
das Karussell der Risiken & Nebenbühnen
schriller Karneval
der nicht mehr Mitteilsamen


sie können nicht vergessen …
sie können nicht vergessen …
nicht vergessen …

 

dass sie sich … nicht erinnern …


ich habe Glücksfälle für dich
erfunden Unglücksfälle Abbruchhalden
da liegst du rostfrei inmitten aller
Herrlichkeiten totgeglaubter Zufallsparadiese

 

bleckende FARBBISSE
Pinselhiebe in den Tropfsteinhöhlen
des Sinns
hier lauert die unreine Dauer
also Kompaktzeit
dann rollen KONSERVENTAGE
& Müllsonden in den bunten Hirnen
in der Zeitschleife lässt es sich
farbig schaukeln

 

gestern brach morgen an, um drei Uhr nachmittags
Heute ist schon „nie mehr“, Zukunft überhaupt
was nicht mehr ist, bevorzugt das Einerlei des Alltags
mit feuchter Zeitung und ohne Ei im Suppenkraut
(Joseph Brodsky)

 

wer immer das Ritual durchschaut gleitet
bereits auf dem glitschigen
Abhang
herrgott!
auf deine BUNTEN BÜHNEN

 

im Kehricht blüht er wieder ein Jäger
liegt im Boot zur Strecke gebracht
die Äpfel unter den Augen und
den Schrecken im Haar
die rostige Spielmünze der Waschautomaten
ohne Widerspruch unter der Zunge
wer kann sagen wer wirklicher war?
die Vision einer Hummel?...«

über die Ausstellung

Jonas Burgert (* 1969, lebt und arbeitet in Berlin) zählt zu den Hauptfiguren der aktuellen internationalen Kunstszene. Seine Werke sind überwältigend in Format und Inhalt, voller Gegensätze und Rätsel, zeitlos und symbolhaft. Eigens für die große Einzelschau im Arp Museum Bahnhof Rolandseck schafft er neue monumentale Gemälde und raumgreifende Skulpturen. Hinzu kommen kleinformatige Arbeiten – vorwiegend Porträts.

 

JONAS BUGERT. SINN FRISST

bis zum 13. September 2020 // Neubau

Ausstellungskatalog

Sinn frisst

JONAS BURGERT. SINN FRISST

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