KUNSTKAMMER RAU | MEINE MODERNEN FRAUEN_AKTE

29 Jul 2022

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    Frédéric Bazille, Fischer mit Netz, 1868 | Paula Modersohn-Becker, Stehender männlicher Akt, 1899
    © Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für Unicef | Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen / Fotos: Helmut Reinelt
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    Lucas Cranach d. Ä., Christus als Schmerzensmann, um 1537
    © Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für Unicef, Foto: Helmut Reinelt
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    Paula Modersohn-Becker, Stehender weiblicher Akt, Arme vor die Brust gelegt, um 1905 | Gustave Courbet, Schlafende Bacchantin, 1850
    © Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen | Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für Unicef, Foto: Helmut Reinelt
Paula Modersohn-Becker

»Ich male lebensgroße Akte […] mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen.«

Das Atelier

Akte

 

Als Frédéric Bazille 1868 diesen männlichen Akt malte, sorgte er für Empörung. Mehr oder weniger unbekleidet wurden bis dahin der Heilige Sebastian oder Christus in ihrem Schmerz dargestellt. Beispielhaft dafür ist Christus als Schmerzensmann von Lukas Cranach dem Älteren.  Die Kunstwelt war es auch gewöhnt, nackte Göttinnen und Götter zu sehen oder sich an dem Gefolge Pans oder Dionysos‘ in lasziven Posen zu ergötzen, wie wir es hier bei Gustave Courbets „Bacchantin“ sehen können – aber ein gänzlich unbekleideter realer Mann, auch in Rückenansicht, galt als unerträglich. Der Pariser Salon lehnte das Gemälde 1869 ab.

 

Und Bazille? Statt sich enttäuscht zurückzuziehen, malte er sein Atelier, platzierte das abgelehnte Bild an zentraler Stelle und bevölkerte den Raum mit Künstlerfreunden, die seine unverblümte Aktdarstellung schätzten. Darunter sind so große Namen wie Manet, Sisley, Monet und Renoir. Ein selbstbewusstes Statement gegen die Entscheidung der Jury!


Paula Modersohn-Becker hat ihren lebensgroßen männlichen Akt 30 Jahre nach Bazilles Fischer gezeichnet. Ihr Lehrer war damals Fritz Mackensen in Worpswede. Er wünschte die Darstellung in Lebensgröße, um das ganze Können der Schülerin herauszufordern. Monumental, ungeschönt und ohne erzählendes Beiwerk lässt sie ihren männlichen Akt über das Blatt hinwegschreiten.

 

Doch Paula Modersohn-Becker wollte mehr als nur die Wirklichkeit wiedergeben, sie wollte hinter sie schauen und den Menschen im Kern erfassen. So vertiefte sie das Aktstudium ab 1900 in Paris. Zwischen ihren Aktkursen besuchte Paula Modersohn-Becker die Pariser Museen und entdeckte dort unter anderem Bilder von Courbet, die sie „prachtvoll“ fand. Und sie wunderte sich, dass die jungen Französinnen malten, als hätten sie Courbet nie gesehen. Ihr „Stehender weiblicher Akt, Arme vor die Brust gelegt“ zeigt, anders als Courbets Bacchantin, die nackte Frau in einer natürlichen Haltung. Sie präsentiert sich nicht, sondern ist einfach da, in sich versunken.

 

Nachdem Paula Modersohn-Becker Bilder von Gauguin gesehen hatte, wurden ihre Akte archaischer und reduzierter. In ihrer Kreatürlichkeit stießen sie zunehmend auf Unverständnis, auch in ihrem direkten Umfeld. Otto Modersohn schrieb am 11. Dezember 1905 in sein Tagebuch: [Sie] „malt lebensgroße Akte, und das kann sie nicht, ebenso lebensgroße Köpfe kann sie nicht […] Ihre herrlichen Studien läßt sie liegen. Verehrt primitive Bilder, sehr schade für sie ... Will Farbe und Form vereinigen – geht gar nicht in der Weise, wie sie es macht […].“


Halten wir ihm zugute, dass es 1905 noch absolut ungewöhnlich war, dass eine Malerin es wagte, den Menschen nackt und frei von erzählerischen Momenten wiederzugeben. Mehr noch als ihre männlichen Kollegen wurde sie deshalb hinterfragt und war Vorurteilen ausgesetzt. Ihre archaisch reduzierten Formen und ihre satten expressiven Farben wurden als Unvermögen interpretiert. Dabei war sie ihren deutschen Malerkollegen einfach einen Schritt voraus.

 

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